Die Frauen von Kabul

Sterne am verbrannten Himmel - 2002

Der Film "Die Frauen von Kabul - Sterne am verbrannten Himmel" erzählt von der Suche nach den Frauen, mit denen ich 1988 in Kabul den Film "Tschadari und Buz Kaschi - afghanische Frauen heute" drehte. Er beleuchtet die Geschehnisse der Zeit Nagibullahs, der Mudschaheddin, der Taliban und lässt uns teilhaben am Leben der drei wiedergefundenen - Parwin, Tajwar, Hafiza - und weiteren neu kennengelernten Frauen in Afghanistan im Jahr 2002.

 

Aus Sicherheitsgründen habe ich alle Filmausschnitte meiner Afghanistan-Filme vorübergehend deaktiviert. Sobald die Lage in Afghanistan sich bessert, werde ich sie wieder aktivieren.
Das gleiche gilt für die Fotos, die meine ehemaligen Mitarbeiterinnen zeigen.

Fotos und Zitate der Protagonistinnen

Expose zum Dokumentarfilm mit dem Arbeitstitel
'Wiedersehen in Kabul - afghanische Frauen gestern und heute' (späterer Titel: Die Frauen von Kabul - Sterne am verbrannten Himmel)

Kabul empfängt mich mit Sonnenschein. Aber kaum bin ich ausgestiegen, werde ich gewarnt: Keine Film­ oder Fotoaufnahmen! Noch bevor ich eine Frage stellen kann, sehe ich die Antwort: zwei englische Kampfhubschrauber dröhnen dicht über mir, schwer bewaffnete Soldaten zielen mit Maschinengewehren auf mich - "wie die Bilder sich gleichen", denke ich und erinnere mich an meine Ankunft in Kabul 1988, als sowjetische Kampfhubschrauber den gleichen Flughafen bewachten.

Wie soll ich hier - in der vom Krieg verwüsteten Stadt - Menschen wiederfinden? Frauen, die vor 14 Jahren jung waren - wenn sie überhaupt noch leben - wo soll ich anfangen, sie zu suchen? Wenn Parwin noch lebt - dann müsste ich in der Universität nach ihr fragen. Schließlich hat sie 1988 als Heimleiterin des Mädcheninternats der Kabuler Universität gearbeitet.

Als ich im notdürftig hergerichteten Büro der Universität nach Parwin forsche, spricht mich eine ältere Frau an und sagt, sie hätte Parwin gestern noch getroffen. Soll das tatsächlich wahr sein? Ich bitte sie, mich zu Parwins Wohnung zu bringen. Sie erinnert sich nicht, wo genau Parwin wohnt, will aber versuchen, sie wiederzufinden und fährt mit mir zum Stadtviertel Makroyan. Hier beginnen wir nach ihr zu fragen.

In einem Hauseingang steht eine Frau - als ob sie auf uns gewartet hätte. Meine Begleiterin sagt: "Da ist sie, Parwin" - sie ist schöner geworden in diesen 14 Jahren, denke ich - und sie trägt eine Tschadarmuos, dieses große Tuch, das den ganzen Körper bedeckt, das Gesicht jedoch frei lässt. Ich erinnere mich sehr genau: früher glänzte ihr blauschwarzes Haar, zum Knoten zusammen gebunden, in der Sonne - durch kein Tuch verdeckt. Ich sehe sie vor mir, wie sie ein großes Wandbild am Internatsgebäude erklärt, höre ihre Stimme, die Lenin zitiert: "Ohne die Frauen kann keine Bewegung erfolgreich sein."  So fand ich Parwin  nach 14  Jahren wieder.

Der Film "Wiedersehen in Kabul - afghanische Frauen gestern und heute" erzählt von der Suche nach den Frauen, mit denen ich 1988 in Kabul den Film "Tschadari und Buz Kaschi - afghanische Frauen heute" drehte. Er beleuchtet die Geschehnisse der Zeit Nagibullahs, der Mudschaheddin, der Taliban und beobachtet das Leben der vier Frauen im Kabul von heute. Er lässt uns teilhaben an ihrem Schicksal:

Parwin: Sie hat Kabul in der ganzen Zeit nicht verlassen, hat den Niedergang der Stadt und die Verrohung der Sitten am eigenen Leib miterlebt. Sie ist verheiratet und hat zwei Töchter. Ihr Mann fährt Taxi, sie unterrichtet als Lehrerin im Mädchengymnasium in Kabul und sagt von sich selbst: "Unter den Umständen, die hier herrschen, geht es mir halbwegs gut. Ich bin weder  in  einer  sehr  guten,  noch  in  einer  sehr  schlechten Lage. Unsere wirtschaftliche Lage ist relativ gut."

Tajwar: Sie musste aus Afghanistan fliehen, weil sie sich dem Widerstand gegen die sowjetische Okkupation angeschlossen hatte. Zwölf lange Jahre lebte sie im australischen Exil, kehrte jedoch im Jahr 2000 (noch zur Talibanzeit) nach Kabul zurück, um dort eine Schule zu eröffnen, in der heute 300 Jungen und Mädchen lernen können. Tajwar ist heute die Stellvertreterin des Erziehungsministers.

Hassine: Sie studierte 1988 an der Universität Kabul Veterinärmedizin und war eine von Parwins Schützlingen, die im Mädcheninternat wohnte. Als die Universität das erste Mal zerstört wurde und an ein Weiterstudieren nicht mehr zu denken war, verließ auch Hassine ihre Heimat und wohnte vorübergehend bei ihren Verwandten in Deutschland. Heute lebt sie in den USA, ist Haus- und Ehefrau, hat zwei Kinder und hofft immer noch, eines Tages ihr Studium fortsetzen zu können.

Hafiza: Auch sie blieb die ganze Zeit in Kabul, erlebte mit, wie die Stadt in Schutt und Asche gelegt wurde, verlor ihren ersten, dann auch den zweiten Ehemann und lebt seit dem allein als Witwe mit drei Kindern. Früher arbeitete sie in einem Baukombinat, das jedoch im Krieg zerstört wurde. Jetzt hofft sie auf den Wiederaufbau Afghanistans - und sagt hoffnungsvoll: "Dann wird es ja genug Arbeit geben".


© Circe-Film, Lohmar 2002